EU-Bürger*innen in Berlin (2012-2022)

Interaktive Grafiken zur Entwicklung und Verteilung der (EU-)Zuwanderung

Gizem Ünsal, Januar 2024

Unter Verwendung der Statistik des Berliner Melderegisters analysiert Minor im achten Jahr in Folge die Entwicklung der Berliner Bevölkerung aus der Europäischen Union sowie deren Verteilung auf die verschiedenen Bezirke und Stadtteile. Seit zwei Jahren gibt es eine zusätzliche Analyse über die Bevölkerung aus EU-Beitrittskandidatenländern.

Dieser interaktive Bericht ist nicht optimal für eine Nutzung auf mobilen Endgeräten.

Im Folgenden wird die Entwicklung der Bevölkerungsgruppen aus verschiedenen Staaten in Berlin beschrieben. Die Herkunftsländer werden wie folgt gruppiert:

Ältere Mitgliedstaaten: EU-Mitgliedstaaten, die der EU vor dem Jahr 2004 beigetreten sind (Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien) sowie Malta und Zypern, mit der Ausnahme von Deutschland.

EU-Osterweiterung: EU-Mitgliedstaaten, die der EU nach dem Jahr 2004 beigetreten sind (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien) mit der Ausnahme von Malta und Zypern.

EU-Beitrittskandidaten: Berücksichtigt werden offizielle Kandidatenländer der EU (Albanien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, Türkei, Ukraine, Bosnien und Herzegowina, Republik Moldau) sowie auch potenzielle Kandidatenländer (Georgien, Kosovo)

Andere Drittstaatsangehörige: Berücksichtig werden alle Staatsangehörigen, die nicht unter die vorgenannten Gruppierungen fallen.

Zugewanderte: Darunter fallen Personen, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Zu beachten ist, dass aufgrund des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU britische Staatsangehörige seit dem Jahr 2020 in den Meldedaten nicht länger als EU-Bürger*innen gezählt werden. Aus Gründen der Vergleichbarkeit werden in den folgenden Analysen britische Staatsangehörige, unabhängig davon, um welches Jahr es sich handelt, zu den Drittstaatsangehörigen gezählt.

Entwicklung der Zahl der in Berlin gemeldeten Deutschen und Zugewanderten zwischen 2012 und 2022

Die Einwohnerzahl in Berlin ist in den letzten zehn Jahren um 10,9 % gestiegen. Im Jahr 2022 verzeichnet die Stadt mit einem Anstieg um 75.329 gemeldete Personen das stärkste Wachstum der letzten 10 Jahre. Dieses Wachstum ist auf die Ankunft zahlreicher Geflüchteter aus der Ukraine zurückzuführen.

Grafik 1: Anzahl, Wachstum und Anteil an der Gesamtbevölkerung der in Berlin gemeldeten Deutschen, Nichtdeutschen, EU-Bürger*innen, Menschen aus Beitrittskandidatenländern und anderen Drittstaatsangehörigen (2012-2022). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Knapp jede*r 4. Berliner*in hat keinen deutschen Pass

Im Jahr 2012 betrug der Anteil der Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Berlin 14,5 %. Bis zum Jahr 2022 ist er auf 23,4 % angestiegen. 81,4 % der Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Berlin sind im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65 Jahre). Im Vergleich dazu beträgt dieser Anteil bei den deutschen Staatsangehörigen in dieser Altersgruppe lediglich 62,9 %. Zugewanderte bringen somit nicht nur gesellschaftliche Vielfalt in die Hauptstadt, sondern können auch einen wichtigen Beitrag auf dem Berliner Arbeitsmarkt leisten.


Grafik 2: Altersverteilung der ausgewählten Bevölkerungsgruppen (Stichtag 31.12.2021). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Wachsen die Bevölkerungsgruppen gleich schnell oder gibt es hier Unterschiede?

Mit 33,6 % machen EU-Bürger*innen einen bedeutsamen Teil der Zugewanderten aus. Die größten EU-Bevölkerungsgruppen in Berlin bilden dabei Menschen aus Polen, Italien, Bulgarien, Rumänien und Frankreich. Die kleinsten EU-Bevölkerungsgruppen stellen Zugewanderte aus Malta und Zypern dar.

Bis zum Jahr 2018 verzeichnete die Anzahl der EU-Bürger*innen ein deutliches Wachstum, das einen Anstieg um 45,8 % von 2012 bis 2018 widerspiegelt. Seit 2018 hat sich dieses Wachstum jedoch weitgehend stabilisiert, wobei die Entwicklung bei verschiedenen Zuwanderungsgruppen unterschiedlich ausgeprägt ist.

Trotz einer stabilen Zunahme der Bevölkerung aus den EU-Beitrittskandidatenländern zwischen 2012 und 2021 ist im Jahr 2022 ein markanter Anstieg zu verzeichnen. Dies ist hauptsächlich auf die Ankunft viele Geflüchteter aus der Ukraine in Berlin zurückzuführen.

Wird die Entwicklung der einzelne EU-Bürger*innen betrachtet, wird sichtbar, dass einige Zuwanderungsgruppen im Laufe der letzten 10 Jahren unterschiedlich gewachsen sind. So bildeten z. B. rumänische Staatsangehörige im Jahr 2012 noch die neuntgrößte EU-Bevölkerungsgruppe in Berlin, im Jahr 2022 schon die viertgrößte. Ebenso haben bulgarische Staatsangehörige im Jahr 2012 die französische Bevölkerung überholt und bilden nun die drittgrößte EU-Bevölkerungsgruppe in Berlin. Dies ist insbesondere angesichts der deutlich kleineren Bevölkerung Bulgariens bemerkenswert. Auf der anderen Seite zeigt sich beispielsweise bei polnischen und dänischen Staatsangehörigen ab dem Jahr 2018 ein rückläufiger Trend. *

Unter den Menschen aus den EU-Beitrittskandidatenländern stellen Zugewanderte aus der Türkei die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe dar. Es folgen ukrainische, serbische und bosnische Zugewanderte.

Bis 2021 verzeichnete die Entwicklung der Anzahl der türkischen Staatsangehörigen ein geringes Wachstum. Hingegen konnte im Jahr 2022 ein Anstieg um 2.371 bzw. 2,4 % im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet werden. Auch bei den Personen aus Georgien und Moldawien kann ein starkes Wachstum beobachtet werden. Innerhalb von zwei Jahren hat die Anzahl der Personen aus Moldawien um 99 % (+4.150 Personen) und Georgien um 103 % (+2.311 Personen) zugenommen, was besonders im Vergleich zur Bevölkerungszahl der Herkunftsländer auffällig ist.

*Die Entwicklungen der Anzahl der Zuwanderungsgruppen variiert entsprechend dem Wanderungssaldo, welcher sich aus den Differenzen zwischen Zu- und Abwanderungszahlen verschiedener Bevölkerungsgruppen ergibt. Innerhalb der EU-Communitys in Berlin gibt es eine spürbare Fluktuation, da jedes Jahr viele Menschen aus der EU nach Berlin zuziehen und gleichzeitig eine beträchtliche Anzahl die Stadt verlässt. Eine stagnierende Zuwanderung einer Gruppe im Jahresverlauf bedeutet nicht zwangsläufig, dass keine neuen Zugewanderten nach Berlin kommen; vielmehr stehen Zuzüge und Abwanderungen in einem vergleichbaren Verhältnis. Diese Dynamik steht jedoch nicht im Fokus der aktuellen Untersuchung und erfordert eine gesonderte Analyse der Ab- und Zuwanderungszahlen.


Grafik 3: Anzahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung der in Berlin gemeldeten EU-Bürger*innen und Staatsangehörigen aus Beitrittskandidatenländern von 2012 bis 2022 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Verteilung auf Berliner Bezirke

Die Anteile von Zugewanderten in den zwölf Berliner Bezirken unterscheiden sich wesentlich. Im Vergleich zu den deutschen Staatsangehörigen sind Zugewanderte häufiger in der Innenstadt vertreten. Der Anteil der nichtdeutschen Bevölkerung ist im Bezirk Mitte mit 36,7 % am größten. Am geringsten ist er in den östlichen Berliner Bezirken wie Treptow-Köpenick (14,8 %) und Marzahn-Hellersdorf (16,4 %).

Grafik 4: Der Anteil von deutschen Staatsangehörigen, EU-Bürger*innen, Menschen aus EU-Beitrittskandidatenländern und anderen Drittstaatsangehörigen in den Berliner Bezirken von 2012 bis 2022 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Entwicklungen in den Bezirken und Stadtteilen

Die Entwicklungen in den einzelnen Bezirken zeigen Unterschiede, dennoch lässt sich zwischen 2021 und 2022 aufgrund des allgemeinen Anstiegs der Anzahl Ukrainer*innen in nahezu allen Bezirken eine spürbare Zunahme verzeichnen.

Im Bezirk Mitte zeigt sich seit 2021 ein leichter Anstieg Anzahl der meisten Zuwanderungsgruppen (wie z.B. Menschen mit italienischer, bulgarischer und französischer Staatsangehörigkeit), während bei den polnischen Staatsangehörigen eher ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist. Die Anzahl der Menschen aus den einzelnen Beitrittskandidatenländern bleibt von 2012 bis 2021 stabil.

Für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf lässt sich sagen, dass die größten EU-Bevölkerungsgruppen seit 2021 leichte, für einzelne Nationalitäten auch starke Rückgänge zu verzeichnen haben. Hier stellen Polen*Polinnen die mit Abstand größte Gruppe an EU-Zugewanderten dar, auch wenn seit 2019 ein starker Rückgang der Bevölkerungszahl zu verzeichnen ist (-27, 2 % ; -1.676 Personen).   Die Bevölkerungsentwicklung aus den Beitrittskandidatenländern im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf war seit 2012 eher stabil. Ab 2022 ist hier auch ein erheblicher Anstieg bei den Ukrainer*innen zu verzeichnen (+243 %; +6.197), womit sie die türkischen Staatsangehörigen überholen und die größte Gruppe aus den Beitrittskandidatenländern bilden.

In Lichtenberg zeigt die EU-Bevölkerung eine steigende Tendenz. Besonders bemerkenswert ist der dynamische Anstieg der bulgarischen und rumänischen Bevölkerung: Im Jahr 2012 lebten nur 407 rumänische Staatsangehörige im Bezirk Lichtenberg, während es im Jahr 2022 bereits 2.669 sind. Ebenso ist die bulgarische Bevölkerung in den letzten 10 Jahren von 820 auf 2.484 Personen angewachsen. Auch bei den Menschen aus den Beitrittskandidaten ist ein positiver Trend über die Jahre hinweg zu beobachten.

In den östlichen Stadtrandbezirken Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick sind Staatsangehörige aus Osterweiterungsländern wie Polen, Bulgarien und Rumänien im Vergleich zu anderen EU-Staatsangehörigkeiten deutlich stärker vertreten. Auch sie weisen in den letzten zehn Jahren eine besondere Dynamik auf: So ist in Marzahn-Hellersdorf die rumänische Bevölkerung um 932 %, die bulgarische Bevölkerung um 395 % und die polnische Bevölkerung um 142 % gewachsen. Bei der Bewertung dieser Zahlen sollte beachtet werden, dass die rumänische und bulgarische Bevölkerung im Bezirk im Jahr 2011 nur aus wenigen hundert Personen bestand.

Diese dynamische Entwicklung kann nicht ausschließlich auf die allgemein steigende Zahl osteuropäischer Staatsangehöriger in Berlin zurückgeführt werden. Obwohl die Bevölkerung aus diesen Ländern auch in den meisten Innenstadtlagen in absoluten Zahlen kontinuierlich wächst, findet doch eine relative Verlagerung in die östlichen Stadtrandbezirke Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Lichtenberg statt. So lebten z. B. im Jahr 2011 insgesamt nur 10,1 % der Personen aus EU-Osterweiterungsstaaten in diesen Bezirken; mittlerweile sind es 20,1 %.  Diese Entwicklung ist besonders auffällig, wenn sie mit der räumlichen Verteilung der Staatsangehörigen aus den älteren EU-Mitgliedstaaten und der deutschen Bevölkerung verglichen wird: So fällt die Veränderung des Anteils der Staatsangehörigen der älteren EU-Mitgliedstaaten (von 4,8 % auf 9,8 %) in den östlichen Berliner Bezirken deutlich geringer aus. Für die deutsche Bevölkerung ist kaum eine Veränderung nachweisbar (24,0 % auf 24,5 %).


Grafik 5: Anzahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung der in den Berliner Bezirken gemeldeten EU-Bürger*innen und Menschen aus Beitrittskandidatenländern nach Staatsangehörigkeit von 2012 bis 2022 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Wohnlage

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg veröffentlicht auch Informationen zur Wohnsituation der Berliner Bevölkerung. Die Wohnungen bzw. Wohnadressen der Einwohner*innen werden in Kategorien wie einfache, mittlere und gute Wohnlagen eingeteilt. Dabei fließen verschiedene Kriterien wie Grün- und Freiflächen, Gebäudezustand, das Erscheinungsbild der Straßen (gepflegt oder ungepflegt) sowie Einkaufsmöglichkeiten in die Bewertung mit ein (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2024).

Die Wohnsituation der EU-Bevölkerung unterscheidet sich nicht nur von deutschen Staatsangehörigen, sondern auch zwischen den EU- Bevölkerungsgruppen. Menschen aus den EU-Osterweiterungsstaaten wohnen im Vergleich zu Deutschen oder Menschen aus den älteren Mitgliedstaaten deutlich häufiger in schlechteren Wohnlagen.

Beispielsweise leben knapp sechs von zehn bulgarischen Staatsangehörigen in einer einfachen Wohnlage. Dies ist der höchste Anteil unter allen EU-Herkunftsländern. Direkt darauf folgen rumänische (45,0 %), polnische (44,0 %) und griechische (42,5 %) Staatsangehörige. Für deutsche Staatsangehörige beträgt dieser Anteil lediglich 29,4 %.

Staatsangehörige der älteren Mitgliedstaaten leben hingegen deutlich häufiger in guten Wohnlagen. Dies trifft z. B. auf 31,3 % der finnischen und 28,4 % der österreichischen Bevölkerung zu. Im Gegensatz dazu wohnen nur 7,7 % der bulgarischen Staatsangehörigen und 11,4 % der rumänischen Staatsangehörigen in einer guten Wohnlage. Unter den Menschen aus den Beitrittskandidatenländern leben die türkischen Staatsangehörigen (62,7 %) – ähnlich wie die bulgarischen Staatsangehörigen – am häufigsten in einfacher Wohnlage.

Grafik 6: Wohnlage der EU-Bürger*innen und Menschen aus Beitrittskandidatenländern in Berlin zum 31.12.2021. Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Kontakt:

Gizem Ünsal
g.uensal@minor-kontor.de

Diese Analyse wurde im Rahmen des Projektes European Labour Lab Berlin veröffentlicht.

Das Projekt wird von der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung gefördert.

Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales