EU-Bürger*innen in Berlin (2010-2020)

EU-Bürger*innen in Berlin (2010-2020)

Interaktive Grafiken zur Entwicklung und Verteilung der EU-Zuwanderung

Maëlle Dubois, Gizem Ünsal, Dezember 2021

Unter Verwendung der Statistik des Berliner Melderegisters analysiert Minor das sechste Jahr in Folge die Entwicklung der Berliner Bevölkerung aus der Europäischen Union sowie deren Verteilung auf die verschiedenen Bezirke und Stadtteile.

Dieser interaktive Bericht ist nicht für eine Nutzung auf mobilen Endgeräten optimiert.

Entwicklung der Zahl der EU-Bürger*innen in Berlin zwischen 2010 und 2020

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat die Einwohnerregisterdaten für 2020 am 07.09.2021 bekannt gegeben. Circa 4,5 % der Bevölkerung Deutschlands leben demnach in Berlin. Die Daten zeigen, dass die Bevölkerung der bevölkerungsreichsten Stadt Deutschlands in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Seit 2016 ist das Bevölkerungswachstum Berlins jedoch rückläufig, wobei im Jahr 2020 der deutlichste Rückgang stattfand. Während zum Beispiel von 2018 auf 2019 zusätzliche 21.347 Einwohner*innen in Berlin registriert wurden, beträgt das Plus von 2019 auf 2020 lediglich 467.

Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt, dass der Rückgang des Bevölkerungswachstums bei Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit besonders stark ausfiel. Während die Zahl der gemeldeten Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit in Berlin von 2019 auf 2020 um 11.264 abnahm, stieg sie bei der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit um 11.731.

Innerhalb des letzten Jahrzehnts wanderten jährlich mehr Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit zu als abwanderten. Der Anteil der Zugewanderten an der Berliner Bevölkerung steigt von Jahr zu Jahr, sodass Zugewanderte mittlerweile eine zahlenmäßig wichtige Bevölkerungsgruppe bilden. Dies gilt insbesondere, wenn berücksichtigt wird, dass die meisten Zugewanderten in Berlin im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65 Jahren) sind: Der Anteil liegt unter ihnen bei 82 % im Vergleich zu 63,1 % unter deutschen Staatsangehörigen in Berlin. Zugewanderte bringen somit nicht nur gesellschaftliche Vielfalt in die Hauptstadt, sondern können auch einen wichtigen Beitrag auf dem Berliner Arbeitsmarkt leisten.

Grafik 1: Anzahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung der in Berlin gemeldeten Deutschen, nicht Deutschen, EU-Bürger*innen sowie Drittstaatsangehörigen zum 31.12.2020. Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Aus welchem Land kommen die Zugewanderten nach Berlin, um hier ein neues Leben zu beginnen? Wächst die Zahl der EU-Bürger*innen und Drittstaatsangehörigen über die Jahre hinweg gleich schnell oder gibt es hier Unterschiede?

Die Zahl der in Berlin gemeldeten EU-Bürger*innen ist von 2010 bis 2018 um 78 % gestiegen, die Zahl der Drittstaatsangehörigen um 56 %. Dieses Wachstum unter EU-Bürger*innen geht jedoch seit 2018 deutlich zurück. Für Drittstaatsangehörige zeigt sich eine ähnliche Entwicklung seit 2019. Zu beachten ist allerdings, dass aufgrund des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU britische Staatsangehörige seit 2020 in den Meldedaten nicht länger als EU-Bürger*innen gezählt werden. Dies erklärt einen Teil des Bevölkerungsrückgangs unter Unionsbürger*innen und des Wachstums unter Drittstaatsangehörigen, siehe Grafik 2. In den weiteren Grafiken werden jeweils die unbereinigten Meldedaten zugrunde gelegt, d. h. britische Bürger*innen werden zu den Drittstaatsangehörigen gezählt.

Grafik 2: Anzahl der in Berlin gemeldeten EU-Bürger*innen sowie Drittstaatsangehörigen von 2010 bis 2020 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Unter den EU-Bürger*innen in Berlin stellen Zugewanderte aus Polen die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe dar. Es folgen italienische und bulgarische Staatsangehörige. Die kleinsten Bevölkerungsgruppen stellen Zugewanderte aus Zypern und Malta dar. Rumänische Staatsangehörige bildeten im Jahr 2010 noch die siebtgrößte EU-Bevölkerungsgruppe in Berlin, im Jahr 2020 schon die viertgrößte. Ebenso haben bulgarische Staatsangehörige im Jahr 2012 die französische Bevölkerung überholt und bilden nun die drittgrößte EU-Bevölkerungsgruppe in Berlin.

Grafik 3: Anzahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung der in Berlin gemeldeten EU-Bürger*innen von 2010 bis 2020 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Die Bevölkerungsteile aus verschiedenen EU-Ländern entwickeln sich nicht einheitlich.  Unter den sechs größten EU-Bevölkerungsgruppen wuchsen die italienischen, bulgarischen, rumänischen und spanischen zwischen 2018 und 2020, während die polnische (-4 %) und die französische Bevölkerung (-1,1 %) abnahm.

Auch manche der kleineren Bevölkerungsgruppen weisen von 2019 auf 2020 Rückgänge oder ein stagnierendes Wachstum auf. Dies betrifft beispielsweise die Herkunftsländer Tschechien, Griechenland, Estland und die Niederlande sowie die skandinavischen Länder. Im Gegensatz dazu nahm die Zahl der Staatsangehörigen des Vereinigten Königreichs in Berlin um 6 % zu.

Grafik 4: Anzahl und Entwicklung der in Berlin gemeldeten EU-Bürger*innen nach Staatsangehörigkeit  von 2010 bis 2020 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Verteilung auf Berlin

Auch die Anteile von EU-Bürger*innen, Drittstaatsangehörigen und deutschen Staatsbürger*innen in den zwölf Berliner Bezirken zeigen wesentliche Unterschiede: Im Jahr 2020 war der Anteil der EU-Bürger*innen und Drittstaatsangehörigen im Bezirk Mitte mit 34,1 % am größten. Am geringsten ist er in den Bezirken Treptow-Köpenick (10,9 %) und Marzahn-Hellersdorf (12,6 %). Dabei ist auch zu beachten, dass der Anteil der EU-Bürger*innen in Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick zwar deutlich geringer ist als in anderen Bezirken, dass die EU-Bevölkerung (insbesondere Bürger*innen der EU-Osterweiterung) in diesen Bezirken in den letzten zehn Jahren aber stark zugenommen hat. Diese Entwicklung wird in den nächsten Abschnitten eingehend untersucht.

Grafik 5: Der Anteil von deutschen Staatsangehörigen, EU-Bürger*innen und Drittstaatsangehörigen in den Berliner Bezirken von 2010 bis 2020 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Der Bezirk Mitte ist seit Jahrzehnten die beliebteste Wohngegend für Zugewanderte. Am 31.12.2020 wohnten die meisten Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Berlin in Mitte: 17 % der Drittstaatsangehörigen und 15,9 % der EU-Bürger*innen hatten hier ihren Wohnsitz. Die Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit verteilt sich hingegen relativ gleichmäßig auf die Berliner Bezirke: Die meisten deutschen Einwohner*innen Berlins wohnen in den Bezirken Pankow (11,7 %) und Tempelhof-Schöneberg (9,3 %), die wenigsten in Spandau (6,5 %). Personen mit der Staatsangehörigkeit einer der älteren EU-Mitgliedstaaten leben hauptsächlich in Mitte (16,7 %) und Friedrichshain-Kreuzberg (16,1 %). Auch für Bürger*innen aus EU-Osterweiterungsländern steht der Bezirk Mitte an erster Stelle (15,1 %). Auf dem zweiten Platz folgt Charlottenburg-Wilmersdorf (11,1 %).

Die Altersverteilung in den jeweiligen Bezirken weist ebenfalls einige Unterschiede auf. Ältere EU-Bürger*innen (55 Jahre und älter) scheinen den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zu bevorzugen, während EU-Bürger*innen im mittleren Alter (25-55 Jahre) eher in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg wohnen.

Grafik 6: Verteilung der in Berlin gemeldeten Deutschen, EU-Bürger*innen sowie Drittstaatsangehörigen auf die Bezirke (in % der jeweiligen Gruppe) zum 31.12.2020. Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Personen aus den älteren EU-Mitgliedstaaten sind am stärksten in den Stadtteilen Nord-Neukölln (8,8 %) und Prenzlauer Berg (8,7 %) vertreten, während Personen aus den EU-Osterweiterungsstaaten am häufigsten im Wedding wohnen (8,9 %). Deutsche Staatsangehörige wiederum sind insbesondere in Steglitz (5,8 %) und Tempelhof (5,6 %) vertreten.

Grafik 7: Verteilung der in Berlin gemeldeten Deutschen, EU-Bürger*innen sowie Drittstaatsangehörigen auf die Stadtteile (in % der jeweiligen Gruppe) zum 31.12.2019. Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Die meisten EU-Bürger*innen leben im Bezirk Mitte. Allerdings verzeichnet Mitte im Gegensatz zu den meisten anderen Bezirken seit 2018 bzw. 2019 Wegzüge unter EU-Bürger*innen verschiedener Staatsangehörigkeiten. Dies betrifft vor allem die französische (- 19,4 %) und polnische Bevölkerung (- 17 %). Einzig die britische Bevölkerung ist zwischen 2018 und 2020 um + 9,2 % gewachsen.

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf stellen Pol*innen die mit Abstand größte Gruppe an EU-Zugewanderten dar, auch wenn seit 2017 ein leichter Rückgang der Bevölkerungszahl zu verzeichnen ist (- 398). Diese Entwicklung ist seit 2019 auch in einigen anderen Bevölkerungsgruppen zu beobachten (Italiener*innen (- 35), Griech*innen (- 54), Österreicher*innen (- 26)). Dennoch haben sich die Bevölkerungszahlen aus allen EU-Ländern seit 2010 generell erhöht. Auffällig ist hier besonders die dynamische Entwicklung der rumänischen Bevölkerungsgruppe (+ 313,7 %).

Im Gegensatz zu Charlottenburg-Wilmersdorf ist der Großteil der EU-Bevölkerung in Friedrichshain-Kreuzberg italienisch und französisch. Diese Bevölkerungsgruppen sind auch seit 2019 weiter gewachsen, aber auch unter weiteren Staatsangehörigkeiten ist ein kontinuierlicher Zuwachs innerhalb der vergangenen zehn Jahre erkennbar.

Auch in Lichtenberg wächst die EU-Bevölkerung kontinuierlich. Allerdings ist die Anzahl der polnischen Bevölkerung hier seit 2018 rückläufig, während die bulgarische, italienische und rumänische Bevölkerung weiterhin dynamisch zunimmt: Zum Beispiel lebten im Jahr 2010 nur 216 rumänische Staatsbürger*innen im Bezirk Lichtenberg, im Jahr 2020 waren es hingegen 2.257. Ebenso ist die bulgarische Bevölkerung in den letzten 10 Jahren von 518 auf 2.268 Personen angewachsen.

In den östlichen Stadtrandbezirken Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick spiegeln sich die berlinweiten Trends wider: Dort sind osteuropäische Staatsangehörige wie Pol*innen, Bulgar*innen und Rumän*innen im Vergleich zu anderen EU-Staatsangehörigkeiten deutlich stärker vertreten. Auch weisen sie in den letzten zehn Jahren eine besondere Dynamik auf: So ist in Marzahn-Hellersdorf die rumänische Bevölkerung um 1.647 %, die bulgarische Bevölkerung um 681 % und die polnische Bevölkerung um 123 % gewachsen. Dies ist allerdings auch damit zu erklären, dass die rumänische und bulgarische Bevölkerung im Bezirk im Jahr 2010 nur aus wenigen hundert Personen bestand.

Diese dynamische Entwicklung kann nicht ausschließlich auf die allgemein steigende Zahl osteuropäischer Staatsangehöriger in Berlin zurückgeführt werden. Obwohl die Bevölkerung aus diesen Ländern auch in den meisten Innenstadtlagen in absoluten Zahlen kontinuierlich wächst, findet doch eine relative Verlagerung in die östlichen Stadtrandbezirke Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Lichtenberg statt. So lebten z. B. im Jahr 2010 insgesamt nur 8,4 % der Personen aus EU-Osterweiterungsstaaten in diesen Bezirken; mittlerweile sind es 17,8 %.  Diese Entwicklung ist besonders auffällig, wenn sie mit der räumlichen Verteilung der Staatsangehörigen aus den älteren EU-Mitgliedstaaten und der deutschen Bevölkerung verglichen wird: So fällt die Veränderung des Anteils der Staatsangehörigen der älteren EU-Mitgliedstaaten in den östlichen Berliner Bezirken deutlich geringer aus (von 3,9 % auf 8,3 %). Für die deutsche Bevölkerung ist kaum eine Veränderung nachweisbar (24,0 % auf 24,4 %).

In starkem Kontrast zu den östlichen Bezirken ist die polnische Bevölkerung Neuköllns zwischen 2014 und 2020 um 17 % und die rumänische Bevölkerung seit 2015 um 7,7 % zurückgegangen. Unklar ist, ob diese Entwicklung einer Verdrängung an den Stadtrand geschuldet ist. Für die bulgarische Bevölkerung lassen sich keine vergleichbaren Effekte beobachten.

Grafik 8: Anzahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung der in den Berliner Bezirken gemeldeten EU-Bürger*innen nach Staatsangehörigkeit von 2010 bis 2020 (Stichtag jeweils 31.12.). Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Wohnsituation der EU-Bürger*innen in Berlin

Das Statistikamt Berlin-Brandenburg veröffentlicht auch Daten zur Wohnsituation der Berliner*innen. Die Wohnungen der Einwohner*innen werden dabei in einfache, mittlere und gute Wohnlagen unterteilt. Auch hier wird deutlich, dass sich die Wohnsituation verschiedener EU-Bevölkerungsgruppen nicht nur von deutschen Staatsangehörigen, sondern auch von Bürger*innen anderer EU-Mitgliedstaaten deutlich unterscheidet. Menschen aus den EU-Osterweiterungsstaaten wohnen im Vergleich zu Deutschen oder Menschen aus den älteren Mitgliedstaaten deutlich häufiger in schlechteren Wohnlagen.

Beispielsweise leben sechs von zehn Bulgar*innen in einer einfachen Wohnlage. Dies ist der höchste Anteil unter allen EU-Herkunftsländern. Direkt darauf folgen rumänische (46,2 %), maltesische (45,1 %) und polnische (43,4 %) Staatsangehörige. Für deutsche Staatsangehörige beträgt dieser Anteil lediglich 29,4 %. Hingegen leben Staatsangehörige der älteren Mitgliedstaaten sehr viel häufiger in guten Wohnlagen. Hier leben 32,8 % der finnischen, 32,5 % der dänischen und 30,8 % der österreichischen Bevölkerung. Im Gegensatz dazu wohnen nur 8,7 % der Bulgar*innen und 13,2 % der Rumän*innen in einer guten Wohnlage. Im Vergleich dazu sind es 19,6 % der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Grafik 9: Wohnlage der EU-Bürger*innen in Berlin zum 31.12.2020. Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg © Minor

Kontakt:

Gizem Ünsal

g.uensal@minor-kontor.de

Diese Analyse wurde im Rahmen des Projektes Europäisches Berlin veröffentlicht.

Das Projekt wird von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gefördert.