EU-Zugewanderte auf dem Berliner Arbeitsmarkt

Interaktive Grafiken zur Arbeitsmarktintegration der EU-Zugewanderten in Berlin

Maëlle Dubois, September 2019

Unter Verwendung der Statistik der Bundesagentur für Arbeit analysiert Minor die aktuelle Situation der EU-Bürgerinnen und EU-Bürger auf dem Berliner Arbeitsmarkt sowie deren Entwicklung.

Für Zugewanderte aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), die einen erheblichen Teil der Migration nach Berlin ausmachen und primär das Ziel verfolgen, in der deutschen Hauptstadt zu arbeiten[i], spielt die Arbeitsmarktintegration eine wichtige Rolle. Es handelt sich um eine junge, gut gebildete Zielgruppe. Dennoch ist die berufliche Laufbahn für viele von ihnen, insbesondere für Zugewanderte aus Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung und den südlichen Mitgliedstaaten, ein steiniger Weg: Ihre Arbeitslosenquote liegt höher, sie sind häufiger in Teilzeit oder einem Minijob beschäftigt und verdienen weniger als der Durchschnitt. Staatsangehörige aus anderen, älteren Mitgliedstaaten hingegen arbeiten häufiger in gutbezahlten Berufen auf einem hohen Anforderungsniveau.

Eine junge Zielgruppe mit Potenzial für den Arbeitsmarkt

Wie schon anhand der Daten des Melderegisters festgestellt, hat die EU-Zuwanderung in den letzten zehn Jahren zu einem erheblichen Teil zum Wachstum der Berliner Bevölkerung beigetragen. Die überwältigende Mehrheit dieser zugewanderten EU-Bürgerinnen und EU-Bürger ist im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65 Jahre): 81,9% der Staatsangehörigen aus Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung und 87,5% derjenigen aus älteren Mitgliedstaaten[ii], während der Anteil in der Gesamtbevölkerung bei 67,3% liegt. Besonders viele von ihnen sind zwischen 25 und 35 Jahren alt und stehen somit noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, insbesondere unter den Staatsangehörigen aus älteren Mitgliedstaaten – der höchste Anteil liegt hier mit 40% bei den Französinnen und Franzosen. Die Frage, ob und wie diese Zugewanderten den Zugang zum Arbeitsmarkt finden, ist also entscheidend für ihren Integrationsprozess.

In Berlin gemeldete Personen nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Alter (Stichtag jeweils 31.12.).

Diese junge Zielgruppe bringt eine hohe Bandbreite an Qualifikationen für den Arbeitsmarkt mit. Zwar sind keine bevölkerungsübergreifenden Daten zu ihrem formalen Bildungsniveau verfügbar, jedoch liegen uns diese Angaben für die Beschäftigten vor. Bei Staatsangehörigen der älteren Mitgliedstaaten ist der Anteil der Akademikerinnen und Akademiker innerhalb von fünf Jahren um knapp 10 Prozentpunkte gestiegen. Diese Entwicklung ist vermutlich auf den Zuzug von jungen, hochqualifizierten Personen zurückzuführen[iii]. Mittlerweile liegt er bei den französischen Beschäftigten über 50% und knapp unter diesem Wert bei spanischen Beschäftigten. Für etwa 25% der Beschäftigten aus den älteren Mitgliedstaaten liegt jedoch keine Angabe zum formalen Bildungsniveau vor.

Eine solch unvollständige Datenlage bezüglich des formalen Bildungsniveaus ist in noch erheblicherem Umfang für Menschen aus den Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung zu beobachten. Auch in dieser Gruppe ist der Anteil der Akademikerinnen und Akademiker gestiegen. Allerdings liegt für 42,6% der Zugewanderten aus den Ländern der EU-Osterweiterung keine Angabe zum formalen Bildungsniveau vor. Dieser bedeutende Anteil verhindert eine vertiefte Analyse[iv].

In Berlin wohnende Beschäftigte nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Bildungsniveau (Stichtag jeweils 30.06.).

 

Steigende Arbeitsmarktbeteiligung

Auch wenn die Beschäftigungsquote von EU-Zugewanderten nach wie vor unter dem Durchschnitt der Berliner Gesamtbevölkerung liegt, so ist sie doch in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Im Jahr 2018 lag sie bei Staatsangehörigen der älteren Mitgliedstaaten 23,2 Prozentpunkte und bei Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung sogar 27,7 Prozentpunkte über dem Anteil von 2008. Bei einzelnen Staatsangehörigkeiten liegt die Beschäftigungsquote fast im Gesamtdurchschnitt, wie z.B. bei Kroatinnen und Kroaten. Diese steigende Arbeitsmarktbeteiligung bestätigt die Erkenntnisse unserer Umfrage aus dem Jahre 2015[i], dass es sich bei der EU-Zuwanderung nach Berlin zum größten Teil um Arbeitsmigration handelt.

Im gleichen Zeitraum ist die Arbeitslosenquote von EU-Zugewanderten eher stabil geblieben. Bei Menschen aus älteren Mitgliedstaaten ist sie sogar gesunken. Sie bleibt jedoch deutlich über dem Durchschnitt bei Menschen aus Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung, was auf einen schwierigeren Zugang zum Arbeitsmarkt hindeuten könnte. Am häufigsten arbeitslos unter den EU-Zugewanderten sind Menschen aus Bulgarien. An zweiter Stelle steht Griechenland, das in diesem Zusammenhang einen Ausreiser unter den älteren Mitgliedsstaaten darstellt.

Interessant ist, dass Zugewanderte aus älteren Mitgliedstaaten sowohl seltener beschäftigt als auch seltener arbeitslos sind als der Durchschnitt der Berliner Gesamtbevölkerung und Staatsangehörige der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung. Dies könnte sich dadurch erklären, dass sie sich häufiger in (Aus-)Bildung befinden, häufiger selbstständig arbeiten – nur abhängige Erwerbstätige werden in dieser Statistik berücksichtigt – oder sich häufiger um Kinder und Familienangehörige zu Hause kümmern. Am stärksten ausgeprägt ist dieses Muster bei Menschen aus Dänemark, die gleichzeitig die niedrigste Beschäftigungsquote und die niedrigste Arbeitslosenquote aufweisen.

Neben den Entwicklungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen von EU-Zugewanderten geben die vorliegenden Daten auch Aufschluss über einige bemerkenswerte gender- und altersspezifische Disparitäten in Bezug auf die Arbeitsmarktbeteiligung:  So sind staatsangehörigkeitsübergreifend Männer häufiger beschäftigt und häufiger arbeitslos als Frauen. Nur unter Staatsangehörigen der Länder der EU-Osterweiterung liegen die Beschäftigungs- sowie die Arbeitslosenquote bei Frauen höher als bei Männern – und zwar schon seit 2008. Wird nach Altersgruppen unterschieden, so zeigt sich, dass über 65-Jährige aus Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung häufiger beschäftigt sind als der Durchschnitt. Bei den älteren Menschen aus der Slowakei liegt die Beschäftigungsquote sogar bei knapp 23% und somit deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 5,9%.

Anteil der in Berlin wohnenden Beschäftigten (Stichtag jeweils 30.06.) an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (Stichtag jeweils 31.12. Vorjahr) nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht.

Anteil der in Berlin gemeldeten Arbeitslosen (Jahresdurchschnitt) an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (Stichtag jeweils 31.12. Vorjahr) nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht.

 

Hohe Prekaritätsrisiken bei Menschen aus Osteuropa

Die Beschäftigungsquote und die Arbeitslosenquote geben lediglich Auskunft über das quantitative Ausmaß des Zugangs zum Arbeitsmarkt. Es stellt sich jedoch darüber hinaus die Frage, ob die Integration der Beschäftigten in den Arbeitsmarkt über die Aufnahme einer „guten Arbeit“ erfolgt, also eine Arbeit, die eine soziale und finanzielle Absicherung ermöglicht, oder ob sie Prekaritätsrisiken ausgesetzt sind. Um Antworten auf diese Frage zu finden, werden vier Indikatoren herangezogen: das Beschäftigungsverhältnis, das Anforderungsniveau, das Einkommen und der Bezug von ergänzenden Leistungen nach SGB II.

Weitere Informationen zu den Indikatoren

Beschäftigungsverhältnis. Weil in Minijobs keine Arbeitslosen- und Krankenversicherungsbeiträge gezahlt werden, bieten sie nur eine begrenzte soziale Absicherung. Sowohl Minijobs als auch Teilzeitbeschäftigung gehen aufgrund der geringeren Arbeitszeit außerdem mit einem niedrigeren Einkommen einher – bei Teilzeitbeschäftigten liegt auch der Stundenlohn unter demjenigen von Vollzeitbeschäftigten[v].

Anforderungsniveau. Es beschreibt den Komplexitätsgrad der ausgeübten Tätigkeit. Je höher das Anforderungsniveau, desto komplexer die Tätigkeiten und desto höher das nötige Bildungsniveau. Das Anforderungsniveau ist u.a. ein Indiz für die Stabilität des Arbeitsplatzes: Weil Helferinnen und Helfer vergleichsweise leicht zu ersetzen sind, ist das Arbeitslosigkeitsrisiko bei ihnen höher[vi].

Einkommen. In dieser Statistik handelt es sich nur um den durchschnittlichen Bruttomonatslohn der Vollzeitbeschäftigten. Beschäftigte in Teilzeit verdienen entsprechend der geringeren Arbeitszeit weniger, Minijobberinnen und Minijobber verdienen höchstens 450€ im Monat.

Ergänzende Leistungen nach SGB II, auch „Aufstockung“ genannt. Auch erwerbstätige Personen können die Grundsicherung für Arbeitssuchende (Arbeitslosengeld II, auch „Hartz IV“ genannt) beantragen, wenn ihre Einkommen nicht ausreichend sind, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Dies deutet auf eine besonders prekäre finanzielle Situation trotz einer Beschäftigung hin. In dieser Analyse wird der Anteil der Aufstockerinnen und Aufstocker an den Beschäftigten dargestellt.

Anhand dieser vier Indikatoren lässt sich feststellen, dass Zugewanderte aus den Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung in Berlin besonders hohen Prekaritätsrisiken ausgesetzt sind. So sind sie häufiger als der Durchschnitt in Minijobs und v.a. in Teilzeit beschäftigt und gehen deutlich häufiger Helfertätigkeiten nach. Sie verdienen 30% weniger als der Gesamtdurchschnitt der Beschäftigten und der Anteil der Aufstockerinnen und Aufstocker an den Beschäftigten ist bei ihnen mit Abstand am höchsten.

Unsere Analyse zeigt, dass sich unter den Ländern der EU-Osterweiterung insbesondere die Gruppe der Bulgarinnen und Bulgaren mit erheblichen Prekaritätsrisiken konfrontiert sieht. Sie sind zu mehr als zwei Dritteln in Teilzeit oder einem Minijob beschäftigt und zu mehr als der Hälfte Helferinnen und Helfer. Sie verdienen 39% weniger als der Gesamtdurchschnitt und sind zu knapp 35% Aufstockerinnen und Aufstocker. Dabei hat sich ihre Situation seit 2008 eher verschlechtert: Der Helferanteil ist gestiegen (während er im Durchschnitt gesunken ist) und die Einkommenslücke ist größer geworden.

Grundsätzlich lässt sich beobachten, dass der Rückgang der Vollzeitbeschäftigung mit dem simultanen Rückgang an Minijobs zugunsten der Teilzeitbeschäftigung einhergegangen ist. Diese Entwicklung ist nicht nur bei Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung, sondern auch bei Staatsangehörigen der älteren Mitgliedstaaten sowie bei Deutschen zu beobachten und entspricht der allgemeinen Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.

Zugewanderte aus älteren Mitgliedstaaten üben besonders häufig komplexe Tätigkeiten aus, für die ein hohes Bildungsniveau erforderlich ist. Sie liegen aber etwa im Durchschnitt hinsichtlich des Beschäftigungsverhältnisses sowie des Einkommens. Dabei sind jedoch deutliche Unterschiede innerhalb der Gruppe zu verzeichnen. Die Situation der Griechinnen und Griechen ähnelt eher derjenigen von Staatsangehörigen aus Ländern der EU-Osterweiterung. Italienerinnen und Italienern sind ebenfalls, wenn auch in geringerem Maße, Prekaritätsrisiken ausgesetzt.

Auch hier zeigen sich Geschlechterunterschiede. Insgesamt sind Frauen deutlich häufiger in Teilzeit und Minijobs beschäftigt als Männer. In Bezug auf das Anforderungsniveau sind sie seltener auf dem niedrigsten sowie auf den höchsten Anforderungsniveaus und dafür häufiger als Fachkräfte tätig. In Vollzeit arbeitende Frauen verdienen im Schnitt weniger als in Vollzeit arbeitende Männer. Der Anteil der Personen, die ergänzende Sozialleistungen beziehen, ist bei Frauen jedoch geringer als bei Männern.

Dieses Muster bei den Geschlechterunterschieden findet sich auch bei Staatsangehörigen der älteren Mitgliedstaaten wieder, wohingegen bei Staatsangehörigen aus Ländern der EU-Osterweiterung oft Abweichungen von diesem Muster oder sogar Umkehrungen desselben zu beobachten sind, wie bereits im Falle der Beschäftigungs- und Arbeitslosenquote. So sind Osteuropäerinnen seltener auf Helferniveau und dafür häufiger als Expertinnen und Spezialistinnen tätig als Osteuropäer; in Vollzeit liegt ihr Einkommen höher. Sie beziehen häufiger ergänzende Leistungen als Männer. Nur in Bezug auf das Beschäftigungsverhältnis zeigt sich ein ähnliches Muster wie im Gesamtdurchschnitt.

In Berlin wohnende Beschäftigte nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Beschäftigungsverhältnis (Stichtag jeweils 30.06.).

In Berlin wohnende Beschäftigte nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Anforderungsniveau der ausgeübten Tätigkeit (Stichtag jeweils 30.06.).

Durchschnittliches Bruttomonatslohn der in Berlin wohnenden Vollzeitbeschäftigten nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht (Stichtag jeweils 30.06.).

Anteil der beschäftigten erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (Stichmonat jeweils Juni) an allen Beschäftigten (Stichtag jeweils 30.06.) nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht.

 

Gastgewerbe als Hauptberufsfeld

Für eine präzisere Aufgliederung nach Berufshauptgruppen[vii], siehe Grafik am Seitenende

Bei der Untersuchung, welche Berufe die EU-Zugewanderten in Berlin ausüben, fällt auf, dass das Gastgewerbe einen prominenten Platz besetzt. Im Berufssegment[vii] Lebensmittel und Gastgewerbe sind 15,6% von ihnen beschäftigt, womit ihr Anteil in diesem Segment deutlich über dem Gesamtdurchschnitt liegt. Wird genauer aufgegliedert, zeigt sich, dass dies v.a. auf die Berufshauptgruppe[vii]Tourismus, Hotel und Gaststätten zurückzuführen ist. Im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt sind EU-Zugewanderte in Gesundheits- sowie Handelsberufen hingegen unterrepräsentiert.

Neben dem Gastgewerbe sind EU-Bürgerinnen und EU-Bürger nur im Berufssegment Unternehmensführung- und Organisation zu mehr als 10% beschäftigt – aber auch hier liegt der Anteil unter dem Durchschnitt. Dieses Berufsfeld ist sehr breit und umfasst neben der Geschäftsführung auch das Personalwesen, Berufe der Betriebswirtschaft, Sekretariat- und Bürotätigkeiten sowie Übersetzungsberufe. Letztere könnten bei EU-Zugewanderten möglicherweise eine besondere Bedeutung haben, eine tiefere Aufgliederung für dieses Berufssegment liegt uns aber nicht vor.

Die Anteile vom Gastgewerbe sowie von der Unternehmensführung und -organisation sind insbesondere bei Staatsangehörigen der älteren Mitgliedstaaten hoch. Weitere bedeutende Berufsfelder in dieser Gruppe sind mit 10,2% die Werbung, das Marketing und die Medien (im Berufssegment Unternehmensbezogene Dienstleistungen) sowie die Informations- und Kommunikationstechnologien (im Berufssegment IT und Naturwissenschaften).

Es sind dabei deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Staatsangehörigkeiten zu beobachten. So arbeiten besonders viele Menschen aus Italien (20,2%) und Griechenland (17,5%) im Gastgewerbe, während in dieser Berufshauptgruppe nur ca. 8% der britischen und französischen Staatsangehörigen beschäftigt sind. Diese sind wiederum deutlich häufiger in der Werbung, dem Marketing, den Medien sowie dem IT-Bereich beschäftigt.

Bei Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung spielen das Baugewerbe, die Reinigungsbranche sowie die Verkehr- und Logistikberufe größere Rollen – dort sind die Anteile z.B. höher als in der Unternehmensführung- und Organisation. Auch hier sind Unterschiede nach Staatsangehörigkeiten zu beobachten. Menschen aus Bulgarien und Rumänien sind im Baugewerbe und in der Reinigungsbranche stark überrepräsentiert, Menschen aus Kroatien nur im Baugewerbe. Polnische Staatsangehörige verteilen sich gleichmäßiger auf die unterschiedlichen Berufe und sind im Vergleich zu der Gesamtheit der EU-Zugewanderten in der Gesundheitsbranche stark vertreten.

In Berlin wohnende Beschäftigte nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Berufssegment (Stichtag jeweils 30.06.).

Der ausgeübte Beruf ist u.a. für die Einschätzung der Prekaritäts- sowie  Gesundheitsrisiken von hoher Bedeutung. So sind atypische Beschäftigungsverhältnisse gerade in den Berufen, in denen EU-Zugewanderte überrepräsentiert sind, besonders weit verbreitet. Im Gastgewerbe z.B. ist ein Minijobanteil von 29,2% zu verzeichnen, wobei dieser bei EU-Zugewanderten niedriger ausfällt.

Hier zeigen sich nochmal Unterschiede zwischen Menschen aus älteren Mitgliedstaaten und aus Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung, wobei letztere deutlich benachteiligt sind. Sie arbeiten häufig als Renigungskräfte, die im Durchschnitt zu als 50% in Teilzeit arbeiten – unter Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung sind es sogar 66,5%. In Hoch- und Tiefbauberufen ist die Zielgruppe um 23,4 Prozentpunkte häufiger in Teilzeit beschäftigt als der Durchschnitt. In Berufen, in denen Staatsangehörige der älteren Mitgliedstaaten überrepräsentiert sind, wie z.B. IT- oder Werbung- und Marketingberufen, ist der Anteil der atypischen Beschäftigungsverhältnisse hingegen ziemlich niedrig.

In Berlin wohnende Beschäftigte nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht, Berufssegment und Beschäftigungsverhältnis (Stichtag jeweils 30.06.).

Diese Unterschiede zeigen sich auch in Bezug auf das Einkommen. So sind die durchschnittlichen Gehälter in der Reinigungsbranche, in Verkehr- und Logistikberufen sowie im Baugewerbe im Allgemeinen relativ niedrig – und noch niedriger bei Staatsangehörigen der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung. Am wenigsten verdienen die Beschäftigten im Gastgewerbe, in dem auch Staatsangehörige der älteren Mitgliedstaaten überrepräsentiert sind. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird im Gastgewerbe auch häufig der Mindestlohn umgegangen. Beschäftigte im IT-Bereich hingegen weisen im Durchschnitt ein relativ hohes Einkommen auf.

Durchschnittliches Bruttomonatslohn der in Berlin wohnenden Vollzeitbeschäftigten nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Berufssegment (Stichtag jeweils 30.06.).

Die Beschäftigten in diesen Berufen sind auch höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt als im Durchschnitt. Laut dem BKK Gesundheitsreport lag im Jahr 2017 der durchschnittliche Krankenstand bei 4,9%. Am höchsten war er mit 7,3% in der Reinigungsbranche und mit 6,9% in Verkehrs- und Logistikberufen. Bestimmte Gesundheitsrisiken betreffen also Staatsangehörige der Mitgliedstaaten der EU-Osterweiterung in erhöhtem Maße. Der niedrigste Krankenstand ist in den IKT-Berufen zu verzeichnen, in denen Staatsangehörige der älteren Mitgliedstaaten überdurchschnittlich häufig beschäftigt sind. In der Unternehmensführung und -organisation, der Werbung, dem Marketing und den Medien und auch im Gastgewerbe liegt der Krankenstand ebenfalls unter dem Durchschnitt. In welchem Maße der Krankenstand nach Staatsangehörigkeit abweicht wird anhand des Gesundheitsreports nicht ersichtlich.

Krankenstand der Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung nach Berufssegment sowie Berufshauptgruppe (Stichjahr 2017).

In Berlin wohnende Beschäftigten nach Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Berufssegment sowie Berufshauptgruppe (Stichtag jeweils 30.06.).

Referenzen

Endnoten

[i] Vgl. Pfeffer-Hoffmann (Hrsg.), 2016: Fachkräftesicherung durch Integration zuwandernder Fachkräfte aus dem EU-Binnenmarkt.

[ii] EU-Osterweiterung: EU-Mitgliedstaaten, die seit 2004 der EU beigetreten sind (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien) mit der Ausnahme von Malta und Zypern. Ältere Mitgliedstaaten: EU-Mitgliedstaaten, die vor 2004 der EU beigetreten sind (Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien, Vereinigtes Königreich) sowie Malta und Zypern, mit der Ausnahme von Deutschland.

[iii] Vgl. Pfeffer-Hoffmann (Hrsg.), 2016: Fachkräftesicherung durch Integration zuwandernder Fachkräfte aus dem EU-Binnenmarkt. Alternativ wäre denkbar, dass sich das Bildungsniveau der bereits zugezogenen Bevölkerung erhöht hat.

[iv] Eine ganze Reihe von Faktoren könnte die lückenhafte Datenlage erklären. So ist denkbar, dass die ausstehenden Angaben zum Bildungsniveau auf eine fehlende Anerkennung der formalen Qualifikationen zurückzuführen sind. Eine andere Erklärungsmöglichkeit ist, dass diese Beschäftigten einer Beschäftigung nachgehen, für die sie überqualifiziert sind. In diesem Falle könnte die Angabe des Bildungsniveaus bei der Meldung der Beschäftigung als nicht dringend notwendig erscheinen. Die Erkenntnisse einer im Jahr 2015 von Minor durchgeführten Umfrage stützen diese These: So gaben im Schnitt 39,3% der Befragten an, für ihre derzeitige Beschäftigung überqualifiziert zu sein. Der Anteil war mit 58,5% bei Menschen aus Bulgarien am höchsten, gefolgt von Polinnen und Polen (49,5%).

[v] Vgl. Statistisches Bundesamt, 2019: Fachserie 16 Reihe 2.3. Verdienste und Arbeitskosten (Arbeitnehmerverdienste 2018)

[vi] Vgl. Stuth et al., 2018: Prekarität in Deutschland?!

[vii] Berufssegmente und Berufshauptgruppen sind zwei Ebenen der Klassifikation der Berufe 2010.

Datenquellen

Amt für Statistik Berlin-Brandenburg

Bundesagentur für Arbeit (Sonderauswertung)

Kontakt:

Maëlle Dubois
m.dubois@minor-kontor.de

Diese Analye wurde im Rahmen des Projektes „Gute Arbeit in Berlin“ veröffentlicht.

Das Projekt wird von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gefördert.